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10 Jahre kulturelles und soziales Ereignis „Kino am Kocher“ in Aalen

Zum 10jährigen Jubiläum hat uns Gründungsvorstand Friedrich Erbacher das folgende Grusswort für unser Programmheft geschrieben. Leider mussten wir aus Platzgründen stark kürzen und haben nur eine kurze Fassung abgedruckt. Wir möchten Euch aber die vielen Erinnerungen aus der Entstehungsphase unseres Kinos nicht vorenthalten und veröffentlichen deshalb die Langversion hier im Internet.

    

Bis zu meinem 39. Lebensjahr hätte ich im Traum nicht daran gedacht, einmal ein Kino zu gründen und Kinobesitzer zu werden. Ich bin bis dahin noch nicht einmal regelmäßig ins Kino gegangen. Und dann ist es doch geschehen. Bei Abschluss des Mietvertrages mit Herrn Schierle waren 10 Jahre ein unüberschaubar langer Zeitraum. Und jetzt sind die 10 Jahre plötzlich vorbei. Inzwischen ist so viel passiert, dass hier gar nicht alle Geschichten rund um das Kino am Kocher erzählt werden können, gar nicht alle Facetten des genossenschaftlichen Kinobetriebs beleuchtet werden können. 

2005 hörte ich erstmals von der Initiative für ein Programmkino. Vom Königreichsaal des Zeugen Jehovas, den jemand kaufen wolle und für den Betrieb eines Kinos an die Kinogründer vermieten wolle, war die Rede. 40.000 Euro standen als notwendige Investitionssumme im Raum (bis heute sind es über 200.000 Euro geworden!). Im unvergessenen Hug´s am Neuen Tor hörte ich mir die Pläne der Kinovisionäre an. Das Aufgabengebiet „Finanzen“ schien mir in dem  Kreis um Jürgen Schwarz, Jörn Scheibler, Christina Voigt und Jule Hoffmann noch unbesetzt. So schloss ich mich der Gründungsinitiative an. 

Gleich 2006 begannen wir mit nichtöffentlichen Filmvorführungen auf der Kinobaustelle. Wir haben zuerst monatlich und später alle zwei Wochen ausgewählte Filme gezeigt. Im „Baustellenkino“ wurde das geplante Projekt für die vielen UnterstützerInnen erlebbar. Baufortschritte und anstehende Bauarbeiten wurden hier kommuniziert, neue (Bau-) HelferInnen aus dem Kreis der Genossenschaft gewonnen. Gleichzeitig bot das „Baustellenkino“ uns Ehrenamtlichen die Möglichkeit, frühzeitig in einem geschützten Rahmen die Abläufe des Kinobetriebs einzuüben.

Im Tätigkeitsbericht 2007/2008 berichten wir: „Inzwischen hat unsere Genossenschaft 490 Mitglieder aus Aalen und Umgebung. Seit der letzten Generalversammlung hat sich unsere Arbeit deutlich vom Planen und Bauen zum Filme aussuchen und zeigen gewandelt. Es ist uns gelungen, uns am Kulturstandort Aalen zu etablieren. Wir haben mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern einen professionellen Kinobetrieb auf die Beine gestellt – darauf können wir alle zusammen stolz sein!“

Im Jahr 2008 bewilligte uns Aktion Mensch als erstem deutschen Kino nach zähen Verhandlungen einen Zuschuss für den barrierefreien Ausbau in Höhe von 21.000 Euro. Das selbstverständliche Zusammenleben aller Menschen, gleich ob mit oder ohne Behinderung, ist im Kinosaal und in der Bar am Venushafen regelmäßig und mit großer Selbstverständlichkeit zu erleben. Ich finde das toll!!!

Mit dem Kinoprogrammpreis des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien wurde das »Kino am Kocher« im Jahr 2009 für einen „besonders hohen Anteil deutscher und anderer europäischer Filme mit künstlerischem Rang“ in seinem ersten »richtigen« Betriebsjahr 2008 ausgezeichnet. Jürgen Schwarz brachte unsere Gefühle damals in einer Presseerklärung auf den Punkt: »Mit der Verleihung des Kinoprogrammpreises ist das »Kino am Kocher« in Aalen endgültig in der deutschen Programmkino-Szene angekommen. Für die »Programmkino Aalen eG« und das »Kino am Kocher« ist dieser Preis eine große Ehre und zugleich eine großes Lob für die herausragende und qualifizierte Arbeit unserer Programmgruppe und allen anderen ehrenamtlichen Kino-Aktiven.« 

Am 21. Februar 2011 fuhr ich in die Evangelische Akademie Bad Boll zur Tagung Fundraising für Kunst und Kultur. Unter dem Titel „Mit Mut und Herzblut Ressourcen für kleine Projekte erschließen: Das preisgekrönte Programm-Kino Aalen“ stellte ich dem anwesenden Fachpublikum unser Finanzierungskonzept vor. Als Erfolgsfaktoren nannte ich u.a. unseren Anspruch „andere Filme anders zeigen“, den ehrenamtlichen Betrieb mit vielfältigen Mitmach- und Unterstützungsmöglichkeiten, die breite regionale Verankerung durch viele Kooperationen und die Inszenierung als „Erfolgsstory“. 

Im Sommer 2012 begleitete ich das Ausstellungsprojekt „Im Angesicht des Todes – so viel Leben“ von Martina Ebel mit keramischen Arbeiten des 2011 verstorbenen Aalener Künstlers Theo Beer in zwei Garagen neben dem Kino. Im Zuge der mehrmonatigen Zwischennutzung der vom Kino angemieteten Garagen entstand ein Kollektiv aus Aalener KünstlerInnen, die seitdem regelmäßig mit öffentlichen Kunstaktionen (z.B. Stadtinterventionen „Außen vor“ 2013, Temporäre Kunst im Haus Krüger 2015) auf sich aufmerksam machen. 

Im März 2013 zog es mich beruflich zu .ausgestrahlt, einer kleinen Anti-Atom-Organisation in Hamburg. Kurz davor war das 3. Mal das Filmfestival von Aktion Mensch bei uns zu Gast. Das Thema des damals 5. und letzten Festivals war Inklusion. Für jede Filmvorführung hatten wir wieder interessante Kooperationspartner und Gäste  eingeladen. Ein Highlight war z.B. die Sexualbegleiterin Vimala (trotz-allem-lust.de) zum Film »Rachels Weg«.  Kürzlich erfuhr ich, dass Vimala seitdem auch regelmäßige Kundenbeziehungen nach Aalen hat. 

Seit meinem Umzug nach Hamburg, bin ich nur noch alle paar Wochen übers Wochenende in Aalen. Vorher schaue ich dann in den „Master“, in den sich die KinohelferInnen online eintragen können, ob noch jemand für die Kinokasse gesucht wird. Wenn ich dann hinter dem Kassenfenster sitze, bin ich immer ganz gespannt, welche bekannten und unbekannten Kinogäste in „meine“ Vorstellung kommen und wie die Reaktionen auf meine - gerne etwas launig - vorgetragene Kino-Begrüßung vor dem Film ausfallen. 

Ein Google-Alert meldete mir im September 2015 den Start des Kinobetriebs im Reutlinger Programmkino Kamino. Es handelt sich um das nunmehr 4. gemeinnützige, ehrenamtlich betriebene und genossenschaftlich organisierte Programmkino in Deutschland. Die begeisterten Berichte (und Fotos) von unserem Kinobetrieb in Aalen haben seit 2009 Kino-Fans in Würzburg, Bad Waldsee und Reutlingen zur Nachahmung motiviert. 
 
Für den neuen Standort Kulturbahnhof im Stadtoval wird sich die Kinogenossenschaft in einiger Zeit neu aufstellen und an vielen Stellen auch neu erfinden müssen. Anders als 2005 kann es aber keinen Zweifel geben, dass das Unterfangen gelingen und sich die Erfolgsgeschichte fortsetzen wird! 

Friedrich Erbacher
Kino-Mitgründer, Finanzvorstand von 2006 bis 2010 und Genossenschaftskino-Missionar
Letzte Aktualisierung ( 23.12.15 )